Von Ein- und Vielfältigen. Zukunft durch Vielfalt

Von Ein- und Vielfältigen
Haben Sie schon einmal vom „genetischen Flaschenhals“ gehört? Gemeint ist damit eine Situation, in der von einer Population nur noch wenige Individuen übrigbleiben und damit nur ein kleiner Teil der genetischen Vielfalt weitergegeben werden kann. Die Folgen sind bekannt: steigende Anfälligkeit für Krankheiten, geringere Anpassungsfähigkeit und im schlimmsten Fall das Aussterben. Wissenschaftler:innen gehen heute davon aus, dass auch die Menschheit solche Flaschenhälse mehrfach durchlebt hat.
Vielfalt ist Überlebensstrategie
Der Gedanke aus der Evolutionsforschung hat eine erstaunliche gesellschaftspolitische Aktualität. Vielfalt bedeutet nämlich Stärke. Wo Vielfalt schwindet, werden Systeme anfälliger. Das gilt für Ökosysteme ebenso wie für Gesellschaften.
Die Landwirtschaft kennt das Problem von Monokulturen: Die Fichte als „Brotbaum“ vieler Waldbesitzer erweist sich angesichts von Klimawandel und Borkenkäferbefall als verwundbar. Ähnliches gilt für den Mais mit dem Maiswurzelbohrer. Ein historisches Beispiel: die Auswirkungen der irischen Kartoffelpest vermengt mit anderen vorangegangenen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.
Wenn Biodiversität verloren geht, steigen Risiken. Vielfalt ist keine romantische Spielerei oder ein Gesellschaftsexperiment, sondern in der Evolution eine Überlebensstrategie.
Gegenteil von Einfalt
Schon das Wort Vielfalt verrät sein Gegenteil. Einfältigkeit bedeutet den Mangel an Perspektiven, Ideen und Alternativen. Vielfalt hingegen eröffnet Möglichkeiten. Wer mehrere Lösungswege kennt, ist besser auf Krisen vorbereitet als jemand, der nur eine einzige Antwort zulässt und somit einfältig bleibt.
Innovation entsteht selten in geschlossenen Räumen. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Erfahrungen, Sichtweisen und Kompetenzen aufeinandertreffen. Vielfalt fordert und fördert Toleranz, gegenseitiges Verständnis, legitimiert demokratische Entscheidungen, steigert den Ideen- und Perspektivenreichtum und führt auch in der Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zu kreativen Lösungen.
Regeln und Werte
Kulturelle, religiöse und soziale Unterschiede können irritieren oder Konflikte auslösen. Deshalb braucht Vielfalt Regeln und Werte. Freiheit funktioniert nur dort, wo sie von Respekt begleitet wird, was auch in der nun gecancelten „Charta des Zusammenlebens in Vielfalt der Steiermark“, erarbeitet von einer breiten Basis, der Fall war. Diese steirische Charte basierte auf den Werten Würde, Gleichberechtigung, Teilhabe und Vielfalt. Integration wurde als wechselseitiger Prozess verstanden, als aktive Teilnahme am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben.
Vielfalt als Ressource
Das oft beschworene „Früher war alles besser“ hält einer näheren Betrachtung selten stand. Eine stabile Gesellschaft misst sich letztlich darin, wie wir einander begegnen. Nicht daran, wie ähnlich wir einander sind. Vielfalt ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern eine Ressource, die gepflegt werden will. Gerade in Zeiten von Polarisierung, Unsicherheit und Förderkürzungen wie etwa im Sozial, Integrations- und Kulturbereich sollten wir uns daran erinnern.
„In Vielfalt geeint“ lautet nicht umsonst das Motto Europas und könnte auch als Leitspruch der Weltkirche dienen.
Studierendenheime als Orte der Begegnung
In den von AAI und KHG betriebenen Studierendenheimen des Quartier Leech ist Vielfalt Realität. Als „Einübungsplatz interkulturellen und interreligiösen Gelingens“ (Copyright: Franz Küberl) ist es eine Investition in die Zukunft, indem Räume geschaffen werden, um Vorurteile abzubauen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Hier stellen sich junge Menschen neuen Herausforderungen und überschreiten persönliche, kulturelle und geografische Grenzen:
Zum Beispiel Amina aus Algerien, die voll Vorfreude auf ihr Studium in Graz blickt, zum ersten Mal außer Landes sein wird und hofft, hier Menschen aus aller Welt kennenzulernen, ebenso wie aus Nordafrika. Oder ein junger Iraner, der mir im Aufnahmegespräch stolz seine Deutschkenntnisse demonstrierte, weil er in Europa eine Zukunft in Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sieht.
Ob sich ihr Traum erfüllt, oder ob dieser zu scheitern droht, wie gerade im Fall eines nigerianischen Studenten, dem aufgrund seiner finanziellen Situation der Studienabbruch droht, zeigt sich nicht in Statistiken, sondern letztlich in vielfältigen Lebensgeschichten.
Das Potenzial dieser Vielfalt zeigt sich auch in Absolventinnen und Absolventen, die Verantwortung übernehmen – hier oder in ihren Herkunftsländern, in Freundschaften, die kulturelle Grenzen überwinden und menschlichen Brückenköpfen, die verbinden (wie etwa El Hadj As Si).
Vielfalt ist kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir gemeinsam Zukunft gestalten können. Seien wir also keine einfältigen Flaschen(hälse).